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Brief aus Tsingtau im Sommer 1904

Peter Ingwardsen, inzwischen Obersignalgast, berichtet nach Hause von Booten die ganz anders sind, vom billigen Leben in Shanghai, von der großen Wärme im Sommer und einem Treffen mit dem Kapitän z.S. Funke. Der Brief wurde in mehreren Etappen geschrieben und offensichtlich ist der frischgebackene Obersignalgast nicht immer ganz zufrieden mit seiner Lage.

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I

Liebe Eltern und Geschwister.

Habe Euren Brief erhalten und
sage Euch meinen  besten Dank.
Bin jetzt schon übern Monat auf
S.M.S. Sperber[1] in Shanghai[2].
Wir haben bis jetzt immer in
Shanghai gelegen und bleiben
noch bis zum August. Es ist
soweit ein ganz schönes Leben.
Man geht seine Wachen und
wenn ich Freiwache habe gehe
ich an Land. Nun ein wenig
über Land und Leute. Wenn 
man von Bord fährt, fährt
man nicht mit der Dampf-

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II

pinnas oder sonst einem Boot
vom Schiff sondern mit einem
[Zampan][3] das ist ein Boot wie
ihr es in Eurem Leben noch
nicht gesehen habt. Es ist selbts-
redend ein Boot wie bei uns
nur ganz anders gebaut. Es
ist nämlich wie ein gespannter
Bogen geformt der Bug und
das Heck ragen weit aus
dem Wasser heraus also das
der runde Teil im Wasser
ist Zeichnung[3] fortbewegt wird das
Fahrzeug von einem Chinesen
und zwar mit einem Riemen
oder Ruder wie Ihr das wohl
nennt dieser lagert achtern
zwischen den beiden Ansetzen.

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Seite 3
III

Dem Chinesen gibt man
für die Strecke bis an Land
5 Cents das sind in deutschem
Geld 10Pf das Vergnügen hat
man schon in Flensburg nicht
so billig. Ist man nun an Land
angekommen geht man nicht
in der Stadt herum wie man das
in Kiel machen würde, den das kann
man viel bequemer haben
in dem man fährt und
zwar in einem sogenannten
Ritscher das ist ungefähr solche
Karre wie bei Westphalen[4]
nur das statt des Kastens ein
Korbstuhl auf Federn ist dieses
Fahrzeug von einem Chinesen
gezogen der immer Trab läuft

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IV

Da kann man dann hin-
fahren wo man will und
eine noch so große Strecke er
bekommt imer nur 10
Cents das sind 20Pf. Hier
giebt es nämlich kein deut-
sches Geld sondern Chinesi-
sches z.B. 1 Dollar sind 2 M. ein
Doller hat 100 Cents 1C. sind 2Pf.
Also Ihr seht man hat es
hier ganz bequem man braucht nicht
mal mehr zu gehen. An
Land trinkt man dann ein
Glas Bier oder geht in den
Park wo jeden Tag Konzert ist.
Mir geht es bis jetzt ganz
gut. Hoffentlich seid Ihr auch
wieder alle wohl und mun-
ter.
[...]

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Seite 5
V

Was macht denn Dein Ohr hoffentlich ist
es doch wohl jetzt besser und Johannes
ist doch wohl auch wieder gesund es
wird wohl auch nicht so schlimm ge-
wesen sein die Luft in der
Werkstatt wird wohl nicht schuld daran
sein. Er hat ja doch wieder den gan-
zen Abend wo er in der frischen
Luft spazieren gehen kann und dann
arbeitet er doch auch viel an der
frischen Luft da hat Hermann es
doch noch viel schlimmer denn Hitze
ist nichts angenehmes daß kann
ich doch wohl beurteilen denn hier
draußen im Lande der Chinesen
ist jetzt zur Sommerzeit ein ganz schöne
Hitze heute haben wir z.B. 35° u. 40°
haben wir auch schon gehabt da
schwitzt man sogar beim stillsitzen

Auf dieser Seite folgt quer am Ende des Blatts:
Die
besten
Grüße
an 
alle
Bekannten
und
Unbekannten
in
der
schönen
Seestadt
Flensburg
und
die
Damen
nicht zu
vergessen
die [schwarzen]
hier [V...]
sind auch
garnicht
schlecht

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VI

Wie gesagt seid Ihr wenn Ihr diesen
Brief bekommt alle wohl und munter
wie ich es bin.: Immer Kreuzfidell
und lustig wenn man's auch nicht
allzu gut hat denn wenn man
noch den Kopf hängen läßt dann
ist das nochmal so schlimm und
wenn man auch keinen Pfennig
in der Tasche hat geht man eben
desto stolzer durch die Strassen. Jetzt
habe ich ja so leidliches Auskommen
mit meinem Geld = 15M im Monat. 
Ich bin nämlich jetzt Obersignalgast
geworden und bitte ich von jetzt
ab an den Ob.Sig.gst. Ingwardsen
zu schreiben. Was macht Christine
denn eigentlich von ihr habe ich
noch gar keine Antwort auf 4 - 5
Karten erhalten. Na jetzt habe ich aber
wohl genug geschrieben den ich schwitze
wie ein Bär. Die herzlichsten Grüße
aus der Ferne Euer
Sohn und Bruder Peter in der Fremde

Auf dieser Seite quer am linken Rand:
Was macht den der Willi?

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VII

Habe Euren Brief vom 26.7.04 erhalten
und sage Euch meinen besten Dank.
Du hast wirklich recht lieber Vater man
freut sich hier draußen sehr wenn
man was aus der Heimat erfährt.
Wir sind jetzt in Tsingtau und
bleiben hier wohl ein halbes Jahr
liegen da der Sperber in die
Werft[5] gehen muß. Hier ist es
dasselbe wie in Shanghai nur
das hier viel mehr deutsche wohnen
wie in Shanghai. Auch liegt ja in
Tsingtau deutsche Matrosenartellerie
Der Chef des Stabes ist Kaptän z.S.
Funke. Wenn Du Dich erinnern kannst
hieß der erste Offizier vom Stein[6] auch
so. Es ist nämlich der selbe Er kam nämlich
an Bord unseren Kommandanten zu besuchen
da hat er mich gesehen wie ich meinen [Wachspruch]
meldete. Er erkannte mich sofort und befahl

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VIII

mir Ihn an Land zu besuchen das hab ich den
auch gemacht und mich gut amüsiert - es gab
nicht so wenig Bier und Cigaretten und
außerdem gutes Essen. Wie ich sagte er wann
ich nicht wüßte was ich an Land anfangen sollte,
sollte ich ihn nur immer besuchen. Mir
gehts also hier draußen ganz gut bin noch
immer gesund und munter. Jetzt bitte ich
nochmals an den ObSiggst Ingwardsen
zu schreiben da ich schon seid dem 1ten Juli
Obersignalgast bin. Das ich jetzt so viel
geschrieben habe wird wohl die Schuld
die auf mich geladen habe weil ich
solange nicht geschrieben habe tilgen.
Jetzt weiß ich aber tatsächlich nicht mehr Von
dem Dampfer [Jugendenzia][7] habe ich bis jetzt
noch nichts gesehen.
Nochmals herzlichen Gruß

 

Anmerkungen:

[Unsicher…] haben wir alle Stellen markiert, die wir nicht sicher übersetzen oder gar nicht entziffern konnten.
Ortsbezeichnungen haben wir markiert, um einen schnellern Überblich zu haben.
Personennamen haben wir ebenfalls markiert, um einen schnellern Überblich zu haben.
[n] Fußnoten werden, sofern vorhanden, hierunter aufgeführt.

  1. Auf welchem Schiff war Peter wohl vorher? Die Seiten www.deutsche-schutzgebiete.de / www.kaiserliche-marine.de enthalten einige technische Informationen zur S.M.S. Sperber. Leider kann man die Seite innerhalb des Framesets nicht direkt anspringen. Daher hier zwei Links:
  2. Der erste Teil des Briefes wurde wohl noch in Shanghai geschrieben, später erwähnt Peter Ingwardsen jedoch, daß er jetzt in Tsingtau ist.
  3. Hier die von Peter Ingwardsen angefertigte Skizze eines Sampan:
    Sampan

  4. Vermutlich handelt es sich bei „Westphalen“ um einen Händler in Flensburg. Wer mehr darüber weiß, würde uns mit einer eMail an ingwardsen@cedejot.de sehr dabei helfen, das Umfeld zu rekonstruieren.
  5. Ein halbes Jahr in der Werft? Ob an der S.M.S. Sperber solch große Reperaturen oder Umbauten nötig waren? Oder war die Wartezeit auf eine Werftplatz solange?
  6. Vermutlich war Peter Ingwardsen also vorher auf der S.M.S. Stein. Die Seiten www.deutsche-schutzgebiete.de / www.kaiserliche-marine.de enthalten einige technische Informationen zur S.M.S. Stein. Leider kann man die Seite innerhalb des Framesets nicht direkt anspringen. Daher hier zwei Links:

    Beim Lesen dieses Briefs hatten wir jedoch den Eindruck, daß der Signalgast Ingwardsen nicht direkt von der S.M.S. Stein auf die S.M.S. Sperber versetzt wurde. Vielleicht war die S.M.S. Stein zu dem Zeitpunkt auch schon Schulschiff.

  7. Hier haben wir mal keine Ahnung, wovon Ingwardsen schreibt. Ein Schiff das so oder so ähnlich heißt bzw. hieß konnten wir bis jetzt noch nicht finden.